Wir leben in einer Zeit, in der Leistung zum Maßstab geworden ist. Nicht nur für Erfolg, sondern für Wert. Für Anerkennung. Für Dazugehörigkeit. Wer viel tut, gilt als stark. Wer funktioniert, als zuverlässig. Wer mithält, als richtig. Und wer langsamer wird, zweifelt oft nicht nur an seiner Rolle – sondern an sich selbst.
Schon früh lernen wir, dass Lob an Bedingungen geknüpft ist. Gute Noten, Durchhaltevermögen, Anpassung, Effizienz. Gefühle haben ihren Platz, solange sie nicht stören. Pausen sind erlaubt, wenn sie produktiv genutzt werden. Schwäche darf existieren – aber bitte leise, bitte kurz, bitte außerhalb des Systems. So entsteht eine Welt, in der Menschen sich selbst übergehen, um zu genügen.
Besonders deutlich zeigt sich das dort, wo Krankheit ins Spiel kommt. Wer krank wird, muss sich rechtfertigen. Nicht offen, aber spürbar. Mit Blicken, mit Nachfragen, mit dem unausgesprochenen Zweifel, ob es wirklich nötig ist. Der Mensch wird zur Störgröße im Ablauf. Zahlen, Bilanzen und Leistungskurven wiegen schwerer als der Einzelne, der sich trotz innerer und äußerer Kämpfe in die Arbeit schleppt und funktioniert – aus Angst, ersetzbar zu sein.
Gleichzeitig existiert ein anderes, kaum benanntes Ungleichgewicht:
Es sind oft nicht die Fleißigen, die geschützt werden. Sondern jene, die sich geschickt entziehen. Die sich auf der Arbeit anderer ausruhen, Verantwortung weiterreichen, präsent wirken, ohne wirklich zu tragen. Während die einen aus Loyalität, Pflichtgefühl oder innerem Anspruch mehr leisten, als ihnen guttut, werden andere gehalten, gedeckt, mitgetragen – nicht wegen ihres Einsatzes, sondern weil sie lautlos angepasst sind oder strategisch unauffällig bleiben.
Diese Schieflage nährt etwas Giftiges: Resignation. Bitterkeit. Und ein Klima, in dem nicht mehr offen gesprochen wird. Stattdessen entstehen Lästereien. Gespräche, die freundlich wirken, solange alle anwesend sind – und kippen, sobald jemand den Raum verlässt. Worte, die nicht der Klärung dienen, sondern der Entlastung. Nicht der Wahrheit, sondern dem eigenen Frust. Auch das ist eine Folge davon, wenn Menschlichkeit dem Funktionieren untergeordnet wird.
Dabei geht in all dem etwas Wesentliches verloren: Menschlichkeit.
Die Fähigkeit, wahrzunehmen, statt nur zu bewerten. Zu fühlen, statt nur zu leisten. Zuhören zu dürfen, ohne sofort eine Lösung parat haben zu müssen. Menschlichkeit braucht Zeit. Präsenz. Und genau das passt schlecht in ein System, das Geschwindigkeit belohnt und Tiefe oft als Umweg betrachtet.
Wenn Leistung wichtiger wird als Menschlichkeit, verändern sich Beziehungen. Begegnungen werden funktional. Gespräche zweckorientiert. Nähe wird effizient, Hilfe zur Pflicht, Mitgefühl zur Ressource. Man fragt nicht mehr: Wie geht es dir wirklich?
Sondern: Wann schaffst du das? Nicht: Was brauchst du? Sondern: Wer übernimmt das jetzt?
Viele merken erst spät, wie sehr sie sich selbst dabei verloren haben. Wenn der Körper müde wird. Wenn das Herz leiser wird. Wenn innere Leere trotz äußerer Anerkennung bleibt. Burnout ist selten ein Zeichen von Schwäche – oft ist es ein stiller Protest der Seele gegen ein Leben, das nur noch aus Funktionieren besteht.
Menschlichkeit zeigt sich nicht in Zahlen, nicht in Titeln, nicht in To-do-Listen. Sie zeigt sich im Innehalten. Im Mitgefühl. In der Bereitschaft, einen Menschen nicht auf seine Leistung zu reduzieren. Auch sich selbst nicht. Menschlichkeit fragt nicht nach Effizienz, sondern nach Echtheit. Nicht nach Output, sondern nach Verbundenheit.
Vielleicht geht es nicht darum, Leistung abzulehnen. Sondern sie wieder einzuordnen. Als etwas, das dem Leben dienen darf – nicht es ersetzen. Leistung kann Ausdruck von Freude sein, von Sinn, von Kreativität. Aber sie verliert ihre Würde, wenn sie zur einzigen Daseinsberechtigung wird.
Am Ende erinnert sich niemand daran, wie viel jemand getragen hat, ohne gesehen zu werden. Was bleibt, sind Momente, in denen Fairness gelebt wurde. Ehrlichkeit möglich war. Und Menschlichkeit nicht verhandelbar. Vielleicht ist genau das die stillste, aber kraftvollste Form von Erfolg: Mensch zu bleiben – in einer Welt, die oft etwas anderes verlangt.
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